Schutzraum

Nein, sie war nicht die,
über die gesprochen wurde,
voller Häme und die gewisperten
Nachrichten anderer Pubertierender
waren gespickt mit den bitteren
Samen des Fremdschämens,
einer fatalen Mixtur aufgeschnappter
moralinsaurer Äußerungen der Eltern.
Scheingefechte atmend.
Nachgeahmt, nachgeäfft wurde das
seit Jahrhunderten übliche Femegericht,
die Verkettung kleiner hässlicher
Verleumdungen zu einem Netz,
darin gefangen die EINE, die anders war,
auch wenn sie ersehnte zu sein wie alle.
Es nicht konnte.
Dafür war die Zeit
zu weit fortgeschritten,
ihre Zeit, die 15 Lenze zählte
und nichts mit der Reife
ihres Geistes gemein hatte.

Sie hütete sich seit langem,
dass nicht allzu viel Poesie
aus ihren Fingerspitzen troff,
dass ihr fraulicher Körper
nicht alles verriet, dass nicht die Kraft
ihrer Wünsche diesen Leib
in Ekstase zu versetzen, überquoll,
einfach nur so, ein Spiel,
weil die Sonne
in ihrem Schoß wohnt.

Sie hütete sich, viel und gut zu lernen,
Selbst-Unterdrückerin der Freude daran,
(ihr Verstand ein waches Tier,
das nach Nahrung verlangt)
um sich nicht noch mehr
von denen zu entfernen,
die sie verachteten,
Rudeltiere der Zugehörigkeit,
Gier in den Augen, Neu-Gier
wegen neuer Geschichten über sie,
gierend nach Details,
die eigene Phantasie ausbeutend,
Fremdbestimmer und Machthaber
über so etwas Zerbrechliches wie das,
was man den Leumund nennt.
Wenn die Blätter im Frühlingswind
zu rauschen begannen
und seit drei Jahren schon
summte dabei ihr Blut,
kroch sie in den Schutzraum der Träume,
eine Königin der eigenen Verrichtungen.
Welch herrliches Spiel!

Sie koppelte die nicht auszulebende Lust
am Lernen mit der Freude am Fliegen,
sprang in alte Zeiten hinein,
wurde zum Prior eines Klosters,
die Bibliothek überwachend
und lesend, lesend, lesend
sich in diesen Räumen bewegend
und gleich darauf zur Marketenderin,
dem fahrenden Volk beigegeben
wie ein zerzauster Pegasus,
immer eine Portion scharfen Humor
unter der Schürze,
das derbe Lachen der Mitreisenden
erntend, wie wohl das tat!

Oder die Brombeer-Blicke
des dritten Zigeuners unter ihrem Himmel,
pflückend,
dem sie lieber auswich,
denn reiten konnten sie gut
diese Tausendsassas
aber ihren Hüftschwüngen würde
nur ein Frauenbauch aus dem
eigenen Volk standhalten.
Sie suchte die sanften Augen
des Barden, ihre huschenden Blicke
streichelten seine Hände,
die sanft waren und dem
Meer der Gedanken Wolken entrissen,
turmhohe, feldweite Wolkenworte.
In die wollte sie sich betten,
aus seinem Mund kristallklare
Spinnenweb-Worte hören, die ihre
weiße Schönheit priesen…

Raus aus der Kammer
ihrer Eigenfarben
rief sie der nörgelnde Ton der Mutter,
Ermahnungen ausstoßend.
Oder das Schlüsselbund des Lehrers,
welches dieser auf
ihren Tisch fallen ließ,
um den Rauch aus ihren Augen
zu vertreiben.
Nein, sie war nicht die,
über die gesprochen wurde.
In ihrer stillen Mitte betrieb
sie Feldforschung: wer bin ich?
Und spürte sie ALLE in ihrem Dasein:
die Naive, das Kind, die Alte, den Vamp,
die Mütterliche, die Gefährtin,
die Liebestolle und die Zärtliche
und sie spürte die Last
ihrer überbordenden inneren Schätze,
denn würde es den EINEN geben,
der sich in diesem Spiegel
einfinden wollen würde,
um die Schönheit zu doppeln,
um dem Leben
ein Geschenk zu machen?

Musste sie sich zurechtstutzen
lassen, von den Kälteworten
einstiger Freundinnen, den Sorgen
der Mutter, dem Desinteresse
des Vaters, dem nicht
sich spiegeln können
ihres Menschseins,
in den Augen
so vieler, die dastanden
und den Takt des eigenen Alltags
wie eine Sichel schwangen,
jeder Treffer ein tiefer Schnitt,
die Wirklichkeit in
übersichtliche Stücke zu teilen?
Sollte sie in die vorgekauten
Schein-Welten der Fernseh-Shows
schlüpfen, ihr Hirn auf Null
stellen, den Scheintod üben?

Oder ihren sagenhaft heiligen,
samtweichen, sternenbenetzten,
mit erfrischenden Quellen
der Intuition ausgestatteten,
mit Melodien des JA-SAGENS
bestückten und mit berauschenden
Farben geschmückten Innenraum
wie einen Teppich aufrollen,
um darauf zu tanzen
und sei es für sich allein
und sei es, um in die
Luft zu schreiben:
JA, DAS BIN ICH!