Der nasse Sommer 2011, eine letzte Zugfahrt, ein Buch von Janis Ritsos und die Begegnung mit dem Tod

Einstieg, Einstieg
und wieder Regen, Grausommer.
Mein Denken ist gespickt mit Vorfreude auf den Umzug
gen Westen. Das alte Auto der Freundin,
ein roter Traum, eine Demnächst-Tatsache,
wartet, will geholt werden.
Ja, ja!

Die tiefen Schleier der Wolkenfetzen
küssen immerfort die Erde,
ihre Nässe der längst Gesättigten
hinterherwerfend.
Die Wagen sind übervoll, Waggon um Waggon
von Missmut erfüllt oder gequälter Freude,
alkoholgeschwängerte Aushängeschilder:
schaut nur, wie wir den nassen, toten
Urlaub hinter uns lassen.
Ja, ja!

Ich sitze mit zwei Frauen im Geviert,
die eine, Tochter der Anderen,
wie ich kurz vor der endgültigen Reife, ist
eine in sich verschlossene Schachtel,
schartig geworden von Folgsamkeit
und selbst den flackernden Blick
des ewig unsicheren Kindes, erspüre ich,
wenn auch nur an meiner rechten Körperseite.
Die Mutter, alt, kompakt versteift, grauer als grau,
nur die Stimme reibt sich geflissentlich
an den im Zug dahintreibenden
Warteminuten, laut, schrill, unmissverständlich.

Das von mir aufgeschlagene Buch
wird ummäntelt mit Dingworten, die den Weg
in mein Ohr finden, an meiner Lektüre vorbei
„Totenschein, Kontosperrung, Verwandtschaft.“
Immer im Gleichschritt, diese Worte,
gehätschelt von Attributen, immer im
Gleichschritt diese Komposita, im Stechschritt
begleitet von mit Hühneraugen versehenen
Verben, Füllwörtern, …
Dreimal, viermal, fünfmal.
Eine Litanei krude hingespuckter Befehle,
eine Perlenkette aufgefädelter Echolalien.

Weghören, weghören und bei Jannis Ritsos
im Süden Griechenlands Zuflucht genommen!
Jedoch auch hier eine wie eingestreute Anpassung
an die mich umgebende Thematik:
„Die Toten sind die Ruhe selbst,
sie lassen sich Zeit,
brauchen nicht zu essen, nicht zu scheißen,
sie benötigen keine Fleischspießchen,
keinen Resinawein, sie wechseln weder
Unterhosen, noch Strümpfe, …sie
ziehen nicht zu einer bestimmten Zeit
den Wecker mit der wilden Mitternacht auf
und eine verreckte Katze
ist auf den Bürgersteig geworfen,
zusammen mit einem Sträußchen
vertrockneter, mit einem Faden
zusammen gehaltener Blumen….“

Aber die abgehackten Disharmonien
dieser lauten Stimme von gegenüber,
dieser an Regularien verarmten Frau, die die
monotone Modulation ihrer Litaneien vulgär
aus sich entlässt wie frisch überbrühte
schlaffe Hühnerleichen, noch nicht gerupft,
nisten sich in mein Gehör ein:
„Du musst da morgen hin, zur Bank,
das Konto sperren lassen, hörst du?
Oder willst du, dass die …?
Oder soll ich das selber machen?
Erklär dem Bankmenschen unsere Lage.
Du musst das morgen früh tun,
sofort! Ich werde die Beerdigung…“

Oh, Ritsos grüne fette Erde
möge mich verschlingen, mich verwandeln
in einen satten Landwurm, mich durch die Krumen
wühlen lassen, so dass an meiner Ringhaut Reibung
entsteht, Kribbeln, Erregung, das Hochgefühl
des Abstreifen-wollens und ich Erde fresse
bis ich platze
und erwache
aus diesem Albtraum Zugfahrt
Rostock-Hamburg.

Und die Phantasie bläht sich auf
wie Sonnenscheiben, die dir den Schritt
heiß werden lassen,
weghören, weghören.
Wohin geht die Fluchtspur
wenn nicht dorthin,
zwischen die Beine, warmer
Speicher wohliger Berührungen,
hartes anfassen oder Raum nehmen
oder das Stoßen,… ahh.
Die Frau vor mir spult mit
sonorer Maschinenstimme ab:

„Ja, ich habe die Tempotaschentücher
eingepackt.“ und da entfaltet sich
Weiß um Weiß zwischen
meinen Hirnwindungen.
Um all dem zu entkommen, legt sich die
Schneedecke Thüringens vom letzten
Winter nahtlos an das Laken von gestern,
auf dem wir tobten
bis unser Schweiß, unser Saft,
die Tränen vom Lachen, der Speichel der Lust
diese Fahne unserer nächtlichen Stürme
schwermütig feucht aussehen ließ.

Keine Chance!

Die alte Reibeisenstimme sagt zum 6.Mal:
„Du sperrst das Konto
Und erklärst das mit dem Todesfall,
nimm ein paar Kontoauszüge mit. Es
war dein Bruder, das mit dem Erbschein
ist noch nicht geklärt,
erklärst du, ja? Und ich als Mutter
bin seine Erbin.“
Dann wird sie abgelenkt von der
Durchsage des Schaffners.

Und meine inneren Schmetterlingsflügel
beginnen zu verdorren,
die Sonnenscheiben kollabieren
und mich überschwemmen Mordgelüste.
Dieses Eindringen dieser Stimme
in meinen Raum, mit solcherart Botschaften!

„Wir wissen den Termin der Bestattung
noch nicht, sag das morgen und sperr
sofort das Konto!“
Da brennt in mir die Zündschnur
des Verständnisses durch,
reißt etwas auf
und plötzlich weiß ich
um das Unausweichliche:
die Alte kann nicht trauern,
nicht weinen, nicht still sein,
nur dies…
Das Repetieren der nächsten
organisatorischen Schritte in
gewohnter Manier,
ihrer Tochter die Worte in den Schoß
werfend und sich selbst auf den Altar
des öffentlichen Raumes eines Zugabteils,
ist der trostlose Weg dieser Alten,

die das schaumtosende Gelb der Goldruten
und des Rainfarns am Bahnsteigrand nicht sieht,
die die eigenen inneren Seen alter Schmerzen
nicht sieht, die, wer weiß was
in sich verstecken musste, stets und stets
und stets, noch bevor sie gebar
und ihre Kinder nährte
mit Bildern ihres inneren Kahlschlags,
bis diese trocken wurden
und zerbrachen an dieser Unmutter.

Der EINE zerbrochene Ast
liegt quer über seinem
noch nicht gesperrten Bankkonto.
Der andere, vorzeitig welke, schachtelte sich ein
und frisst Wehmut, Unmut als täglich Brot
bis zum Erbrechen
und schluckt und frisst und kotzt nach innen,
immer im Wechsel
ohne sich aufzubäumen. –

„Hamburg Hauptbahnhof.
Der Zug endet hier. Bitte alle aussteigen.“
Meine letzte Zugfahrt!
„Was für seltsame Dinge, Herr Ritsos!“
Und du hast das letzte Wort:
„…und die Welt wurde erschüttert
und die Welt wurde erschüttert
und alle Spiegel gingen in Scherben.“