Verwunderung

Und da ging das Licht in mir
in fröhliche Scherben
als ich SAH wie Chagall
malte. Geschwister-Tier, war er,
wie ich schon als Kind, ein Sehender
der in den Beulen des Alltags
sein zu Hause fand.

Die Farben und die Welt
aus der sie ins Hirn sprangen
waren voller Töne und Resonanzen,
auf andere Art in Schwingung
versetzt, als bei Freunden.
Bevor ich Chagall sah,
war ich allein.

Wem konnte ich SAGEN,
was mich in Raserei versetzte?
Meine Kleinstadt wäre
aus dem Weltall gefallen.
Wie und wem beschreiben,
dass es über und unterhalb
ihrer Wirklichkeiten
Lichtklänge gab, in denen
ich täglich mein Bad nahm?

Das Taubengurren am Wall
tropfte hüpfende Sentenzen
in meinen Morgentee.
Die Schwalbenschreie
- über dem Elternhaus
in die Luft gegossen
aus dreißig Kehlen
im Gruppenflug –
umwanden mein zitterndes Herz
vor dem Weg in die Schule
mit Girlanden aus Trost.

Weit weg in einer Seitennische
meines Inneren überwintere ich
seit jeher in einem Zirkuswagen
der durch die Jahrhunderte zieht.
Ich recke mich vor Publikum
in eine Höhe, die mir nicht entspricht.
Seiltänzerin, Zauberer, Dompteuse,
in jeder Inkarnation
ein anderer Kompromiss.

Bildermalerin bin ich jetzt,
Bilder male ich mit Worten,
werfe meine Hitze
gegen die Wandtafeln
alter Schulängste, und
mein warmes Herz auf die
weißen Blätter unserer Kalt-Zeit,
damit sie schmelze.
Ich selbst taue nicht hinweg.

Ich blühe trotz des Winterschnees,
der letzte Nacht auf mich gefallen.
Könige schauen zu
wenn ich die Tafel decke
an der wir speisen werden.
Geschwisterkinder sind wir,
Wandernde durch Herbstgold.
Das Blau reckt seinen Schlund,
ein harmloser Walfisch,
der eher speit als schluckt.

Das Beste sind die Klänge,
Chagall! Hast du auch gehört,
dass die Hummel braune Melodien
an die Himmel heftet,
die Lerche lindgrüne
Kaskaden-Perlen auf die Felder
streut und wie fröhliche
Fangschnüre dort liegen lässt?

Konntest du das Bleigrau
des Meeres an Tagen, wo es
traurig war, ebenso schmecken
und dich daran verschlucken?

Lass uns fliegen!
Die Frau im Baum besuchen
und mit den Fischen
Lufthüllen auskleiden,
damit man die Weltseele
endlich sieht. Komm, wir
spannen Pferde vor die Zeit!