Lyrische Hommage an Künstler in den Jahren 1914 bis 1918

Bewundernde Zärtlichkeit ist mit im Spiel wenn ich die Anmaßung begehe, bedeutende Künstler aus der Zeit vor einem Jahrhundert „Meine großen Brüder“ zu nennen. Zumal, wenn es sich um Künstler handelt, die längst von uns gegangen sind - deren Werke aber in uns fortleben: Schiele, Klimt, Chagall, Trakl, Marc, Rodin, Feininger, Ernst oder Ritsos - um nur einige beispielhaft zu nennen.

Der widersprüchliche und aufgewühlte Zeitgeist jener Kriegsepoche zwischen Euphorie und Ernüchterung, Tragik und Tod hat deren Leben geprägt und sich in ihrem Schaffen verewigt. Im Zeitraum 1914 -1918 mussten die meisten von ihnen ihre teils anfängliche Begeisterung oder ihren Gehorsam mit Tod oder Verstümmelung, zumindest aber mit Ernüchterung und Traumatisierung teuer bezahlen.

Denn das, was sich sensiblen Männern - die ihren Ausdruck in der Malerei, in der Lyrik, in der Bildhauerei, in der Prosa suchten und fanden - in diesen Blutjahren ins Gedächtnis brannte, waren Erfahrungen aus Schützengräben, Kameradentod oder Gefangenschaft.

„Meine großen Brüder“ haben jedoch trotz der schweren Zeiten letztlich am blauen Land der Inspiration festhalten können und dort Wohnstatt genommen. Für einige war diese „Nahrung“ das einzige seelische Überlebensmittel, später zudem eine wichtige Form, um das Erlebte verarbeiten zu können. Einige, wie Marc oder Trakl, sind dennoch vorzeitig davongeflogen…welch Verlust!

Künstlern, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs gelebt haben, und die mich immer wieder durch ihre Kunst beschenkt und bereichert haben, möchte ich als Lyrikerin auf meine Art diese Hommage widmen. Nicht jeder von ihnen kam direkt mit dem Krieg in Kontakt. Rodin und Klimt waren schon zu alt, um im Feld Soldat zu sein, Jannis Ritsos noch ein Knabe, welcher in dieser Zeit in Griechenland aufwuchs.

Schon als Kind kam ich mit Werken von Malern und Bildhauern in Berührung, Musik und Literatur verfeinerten mein Gespür für das wesentlich Existenzielle, das für mich hinter dem Materiellen steckt und welches ich durch das Erleben mit Kunst bestätigt fand. Als Jugendliche fand ich Zugang zum Impressionismus, als Frau entdeckte ich im expressionistischen Ausdruck eine Ähnlichkeit zu einem mich seit der Kindheit bereicherndem, aber auch quälendem Element meiner Wahrnehmung: der Synästhesie.

Ob alle Maler oder Lyriker mit synästhetischen Phänomenen vertraut sind? Ich weiß es nicht. Aber die damit zum Ausdruck gebrachte Vermischung von Sinnesebenen gerade wie bei Trakl ist es, die stets eine starke Gefühlsvermittlung bei mir hervorrief.

So auch als ich Chagalls frühe autobiographische Notizen („Mein Leben“) las. Dabei entdeckte ich eine so große Nähe und gewisse Seelenverwandtschaft, dass spontan mein Gedicht „Verwunderung“ entstand: denn Chagall hatte ähnliche Empfindungen und Eingebungen bei der Betrachtung der Natur, wie ich als Kind.

Dass „Meine großen Brüder“ alle zur Zeit des Ersten Weltkrieges lebten, bemerkte ich erst, als ich beschloss über Egon Schiele zu schreiben. Franz Marc kam mir spontan in den Sinn, der ja 1916 gefallen war. Georg Trakl „fiel mir in die Hände“, Opfertier eben dieses Krieges und der Schranken in den Köpfen seiner Mitmenschen.

Das Andenken an meinen Großvater, Arno Schlettig, der zwei Jahre an der sogenannten Westfront und danach fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft verbrachte und der dort vor seinen Kameraden als Kleinkünstler auftrat, inspirierte mich schließlich, diese Lyriksammlung zueinander in Beziehung zu setzen und sie ihm in memoriam zu widmen.